Prüfung · Differenzialdiagnostik
Die häufigsten Verwechslungen in der HPP-Prüfung
Eine Verdachtsdiagnose ohne saubere Abgrenzung gegen ähnliche Störungsbilder gilt als einer der häufigsten Gründe für das Nichtbestehen der mündlichen Prüfung. Dieser Leitfaden nimmt sich die klassischen Verwechslungspaare vor — Bipolar oder Borderline, Delir oder Demenz, Manie oder Schizophrenie — und benennt für jedes das entscheidende Unterscheidungskriterium, so wie es in der Prüfung erwartet wird.
Stand: 1. Juli 2026 · Grundlage: die prüfungsdidaktisch aufbereiteten Differenzialdiagnose-Fälle von HPP-Bestehen (ICD-10, Kapitel F). Dies ist Prüfungsvorbereitung und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Diagnostik.
Das übergeordnete Prinzip
Zuerst organische Ursachen ausschließen
Bevor eine psychische Störung diagnostiziert wird, müssen organische Ursachen ausgeschlossen werden — das ist das zentrale Prinzip der Ausschlussdiagnostik und in der Prüfung ein wiederkehrender Punkt. Der häufigste organische Imitator psychiatrischer Störungen ist die Schilddrüse: Eine Hyperthyreose kann Angst und Panik nachahmen, eine Hypothyreose eine Depression.
Merksatz
Verwechslungspaar
Bipolar II vs. Borderline (vs. ADHS)
Alle drei zeigen Stimmungsschwankungen und Impulsivität — deshalb werden sie verwechselt. Der Schlüssel ist der Zeitverlauf der Stimmungswechsel, nicht ihre bloße Existenz.
- Borderline
- Stimmungswechsel reaktiv und kurzfristig (Stunden), interpersonell getriggert (gefühlte Zurückweisung). Dazu Identitätsdiffusion, chronisches Leeregefühl, Idealisierung/Entwertung, Selbstverletzung zur Spannungsregulation. Beginn typischerweise in der Adoleszenz.
- Bipolar II
- Stimmungswechsel episodisch (Tage bis Wochen) und autonom, nicht an zwischenmenschliche Auslöser gebunden. Es gibt abgrenzbare hypomane Phasen mit vermindertem Schlafbedürfnis und gesteigertem Antrieb über mindestens vier Tage.
- ADHS
- Stimmungswechsel reaktiv und sehr kurz (Minuten), aber die Grundstörung (Aufmerksamkeit, Impulsivität, innere Unruhe) besteht durchgehend seit der Kindheit — Schulzeugnisse sind ein wichtiger Hinweis.
Merksatz
Verwechslungspaar
Delir vs. Demenz vs. Depression
Die klassische Prüfungsfalle beim älteren Patienten. Alle drei können mit Desorientiertheit und kognitiven Defiziten einhergehen — der Bewusstseinszustand und der zeitliche Beginn trennen sie sicher.
- Delir
- Die Trias aus akutem Beginn (Stunden bis Tage), Bewusstseinsstörung mit wechselnder Vigilanz und fluktuierendem Verlauf (Sundowning) ist pathognomonisch. Häufig kommen optische Halluzinationen hinzu.
- Demenz
- Schleichender Beginn über Monate bis Jahre, das Bewusstsein ist klar, keine Vigilanzschwankungen. Das ist der entscheidende Unterschied zum Delir.
- Depression (Pseudodemenz)
- Kognitive Einschränkungen möglich, aber klares Bewusstsein, kein fluktuierender Verlauf, kein akuter Beginn; die Betroffenen klagen aktiv über ihre Beschwerden.
Notfall
Merksatz
Verwechslungspaar
Schizophrenie vs. Drogenpsychose vs. wahnhafte Störung
Wahn und Halluzinationen kommen bei allen dreien vor. Verlauf, Erstrangsymptome und das Drogenscreening ordnen ein.
- Paranoide Schizophrenie
- Schleichender Beginn mit Prodromalphase, Erstrangsymptome (kommentierende/dialogische Stimmen), formale Denkstörung und Negativsymptomatik (Affektverflachung, Rückzug). Symptomatik länger als einen Monat, Drogenscreening negativ.
- Drogeninduzierte Psychose
- Akuter Beginn im zeitlichen Zusammenhang mit dem Konsum, remittiert nach Abstinenz. Das Drogenscreening ist positiv bzw. die Anamnese eindeutig.
- Wahnhafte Störung
- Isolierter, systematisierter Wahn ohne die schizophrenietypischen Erstrangsymptome, ohne formale Denkstörung und ohne Negativsymptomatik.
Merksatz
Verwechslungspaar
Manie mit Psychose vs. Schizophrenie
Größenwahn und Halluzinationen können bei beiden auftreten. Die Prüfungsfrage lautet: Sind die psychotischen Symptome stimmungskongruent oder stimmungsinkongruent?
- Manie mit psychotischen Symptomen
- Stimmungskongruenter Größenwahn (passend zur gehobenen Stimmung), Ideenflucht (beschleunigt, aber nachvollziehbar), gutes prämorbides Funktionsniveau, häufig eine frühere depressive Episode in der Anamnese.
- Paranoide Schizophrenie
- Typischerweise stimmungsinkongruente Halluzinationen, formale Denkstörung im Sinne von Zerfahrenheit (unverständliches Denken) statt Ideenflucht, dazu Negativsymptome.
Merksatz
Verwechslungspaar
Generalisierte Angststörung vs. Depression
Beide teilen Schlafstörungen und Konzentrationsprobleme. Das Leitsymptom entscheidet.
- Generalisierte Angststörung
- Im Vordergrund steht die frei flottierende Sorge und Anspannung über multiple Lebensbereiche. Die Grundstimmung ist ängstlich-angespannt; die Genussfähigkeit bleibt erhalten, sobald Ablenkung gelingt.
- Depression
- Im Vordergrund stehen gedrückte Stimmung, Interessen- und Freudverlust (Anhedonie) sowie Antriebsminderung — nicht die Sorge.
Merksatz
Verwechslungspaar
PTBS vs. akute Belastungsreaktion
Beide folgen auf ein belastendes Ereignis. Das Zeitkriterium ist das entscheidende Unterscheidungsmerkmal.
- Akute Belastungsreaktion
- Vorübergehende Störung, die innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen nach dem Ereignis beginnt und rasch wieder abklingt.
- Posttraumatische Belastungsstörung
- Alle drei Symptomcluster liegen vor — Wiedererleben (Flashbacks, Albträume), Vermeidung und Hyperarousal — und bestehen ab etwa einem Monat nach dem Trauma fort.
- Anpassungsstörung
- Ausschlussdiagnose: Sind die Kriterien für eine PTBS erfüllt, hat diese Vorrang.
Merksatz
Verwechslungspaar
Somatisierungsstörung vs. hypochondrische Störung
Beide gehen mit häufigen Arztbesuchen (Doctor Shopping) und Widerstand gegen psychologische Erklärungen einher. Worauf der Fokus liegt, trennt sie.
- Somatisierungsstörung
- Der Fokus liegt auf den Beschwerden selbst: multiple, wechselnde körperliche Symptome über mehrere Organsysteme und mindestens zwei Jahre, ohne hinreichende somatische Erklärung.
- Hypochondrische Störung
- Der Fokus liegt auf der Angst, an einer bestimmten schweren Krankheit zu leiden — die anhaltende Krankheitsüberzeugung steht im Vordergrund, nicht die Vielzahl der Symptome.
Merksatz
Verwechslungspaar
Zwangsgedanken vs. psychotisches Erleben
Aggressive oder bedrohliche intrusive Gedanken können oberflächlich an eine Psychose denken lassen. Das Verhältnis der Person zu ihren Gedanken ist der entscheidende Marker.
- Zwangsstörung
- Die Gedanken werden als ich-dyston erlebt — als fremd und quälend, mit voller Einsicht und Widerstand. Es fehlen Halluzinationen, Wahn und formale Denkstörung.
- Psychotisches Erleben
- Die Gedanken werden als ich-synton (als real) erlebt oder als von außen eingegeben wahrgenommen — ohne Krankheitseinsicht.
Merksatz
Üben
Vom Merksatz zum sicheren Fall
Die Unterscheidungskriterien wirken erst, wenn sie im Fall abgerufen werden. Genau dafür gibt es zwei Werkzeuge.
Diagnose-Training: Fälle differenzieren
16 interaktive Fallszenarien mit genau diesen Verwechslungspaaren — Symptome aufdecken, Verdachtsdiagnose stellen, Differenzialdiagnosen begründet ausschließen.
Mündliche Prüfung simulieren
Die Differenzialdiagnostik im freien Gespräch üben — mit KI-Patient:innen und differenziertem Feedback nach jedem Fall.
Differenzialdiagnostik dort trainieren, wo sie geprüft wird
Üben Sie die klassischen Verwechslungspaare am konkreten Fall — Symptome aufdecken, Verdachtsdiagnose stellen und die Alternativen begründet ausschließen.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Bipolar II und Borderline?
Entscheidend ist der Zeitverlauf der Stimmungswechsel: Bei Borderline sind sie reaktiv, kurzfristig (Stunden) und werden durch zwischenmenschliche Situationen ausgelöst; bei Bipolar II sind sie episodisch (Tage bis Wochen) und autonom, mit abgrenzbaren hypomanen Phasen. Borderline zeigt zusätzlich Identitätsdiffusion, chronisches Leeregefühl und ein Muster von Idealisierung und Entwertung.
Wie unterscheide ich Delir, Demenz und Depression?
Über den Bewusstseinszustand und den Beginn: Das Delir beginnt akut, geht mit einer Bewusstseinsstörung und fluktuierendem Verlauf einher und ist ein medizinischer Notfall. Bei der Demenz ist das Bewusstsein klar und der Beginn schleichend. Eine depressive Pseudodemenz zeigt ebenfalls klares Bewusstsein ohne fluktuierenden Verlauf.
Warum ist die Differenzialdiagnostik in der HPP-Prüfung so wichtig?
Eine Verdachtsdiagnose ohne saubere Abgrenzung gegen ähnliche Störungsbilder gilt als einer der häufigsten Gründe für das Nichtbestehen der mündlichen Überprüfung. Wer benennen kann, warum es diese und nicht jene Störung ist, wirkt fachlich sicher.
Muss ich vor einer psychiatrischen Diagnose organische Ursachen ausschließen?
Ja. Organische Ursachen werden immer vor einer primär psychischen Diagnose ausgeschlossen (Ausschlussdiagnostik). Die Schilddrüse ist der häufigste organische Imitator: Eine Hyperthyreose kann Angst und Panik nachahmen, eine Hypothyreose eine Depression. Ein Warnzeichen ist Gewichtsverlust bei normalem Appetit.
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Dieser Leitfaden dient der Vorbereitung auf die amtsärztliche Überprüfung nach dem Heilpraktikergesetz und gibt Prüfungswissen zur diagnostischen Einordnung wieder. Er ist keine Behandlungs- oder Therapieanleitung und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Diagnostik im Einzelfall. Maßgeblich sind die aktuellen Klassifikationskriterien (ICD-10).