Prüfung · Befunderhebung
Der psychopathologische Befund (AMDP) in der HPP-Prüfung
Der psychopathologische Befund ist das Herzstück des mündlichen Prüfungsgesprächs: die systematische Beschreibung des aktuellen psychischen Zustands. Wer ihn strukturiert nach dem AMDP-System erhebt, wirkt fachlich sicher und leitet die Diagnose sauber ab. Dieser Leitfaden zeigt den Befund-Gang, alle Kategorien mit Kurzdefinitionen und die typischen Fehler.
Stand: 1. Juli 2026 · Grundlage: die AMDP-Systematik und der geprüfte Befund-Datensatz von HPP-Bestehen. Prüfungsvorbereitung, keine Behandlungs- oder Diagnostikanleitung im Einzelfall.
Einordnung
Was das AMDP-System ist
Das AMDP-System (Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie) ist das etablierte Raster, um den psychischen Befund vollständig und in einheitlicher Sprache zu beschreiben. Für die Prüfung zählt weniger, jedes Einzelsymptom zu kennen, als den Befund systematisch Kategorie für Kategorie zu erheben und auffällige Befunde am konkreten Symptom festzumachen.
Ablauf
Wo der Befund im Prüfungsgespräch sitzt
Der Befund kommt nach der Anamnese und vor der Verdachtsdiagnose.
- 1Begrüßung, Setting und Schweigepflicht klären
- 2Offene Anamnese mit einer offenen Einstiegsfrage — den Spontanbericht zulassen
- 3Gezielte Anamnese: Beginn/Verlauf, vegetative Symptome, Tagesablauf, Funktionsniveau, Biografie/Familie, Sucht, Medikation
- 4Psychopathologischer Befund: den AMDP-Gang strukturiert erheben
- 5Verdachtsdiagnose mit ICD benennen und Kriterien nennen
- 6Differenzialdiagnose: mindestens eine plausible Abgrenzung begründen
- 7Vorgehen und Grenzen benennen: eigene Befugnis abstecken, bei organischem Verdacht oder Medikationsfragen an die Ärztin oder den Arzt verweisen
- 8Sicherheit: Suizidalität und Fremdgefährdung aktiv erfragen und die Absprachefähigkeit prüfen
Die Kategorien
Der AMDP-Befund mit Kurzdefinitionen
Elf Kategorien — in der Prüfung jede im Blick behalten, Auffälliges konkret benennen.
1. Bewusstsein
Wachheit und Klarheit des Bewusstseins.
- Bewusstseinsverminderung:
- herabgesetzte Wachheit (bis zur Somnolenz)
- Bewusstseinstrübung:
- verminderte Klarheit, gestörte Auffassung
- Bewusstseinseinengung:
- auf wenige Inhalte verengt
2. Orientierung
Zurechtfinden in vier Qualitäten.
- Desorientierung:
- zeitlich, örtlich, situativ oder zur eigenen Person
3. Aufmerksamkeit & Gedächtnis
Aufnahme, Halten und Abruf von Information.
- Auffassungsstörung:
- Information wird schwer aufgenommen
- Konzentrationsstörung:
- Aufmerksamkeit ist schwer zu halten
- Merkfähigkeitsstörung:
- Neugedächtnis beeinträchtigt (Behalten über ~10 Min.)
- Gedächtnisstörung:
- Abruf gespeicherter Inhalte gestört
4. Formales Denken
Wie das Denken abläuft (Tempo, Struktur, Ziel).
- Gehemmt / Verlangsamt:
- verlangsamter Gedankenfluss
- Ideenflucht:
- beschleunigt, sprunghaft, das Ziel geht verloren
- Inkohärent / Zerfahren:
- unzusammenhängend, zerrissen
- Perseveration:
- Haften an gleichen Inhalten
5. Inhaltliches Denken
Wahn, Zwangsgedanken und überwertige Ideen.
- Wahnstimmung:
- unheimliche Vorahnung, Bedeutungserleben
- Verfolgungswahn:
- Überzeugung, verfolgt oder bedroht zu werden
- Größenwahn:
- überhöhte eigene Bedeutung oder Fähigkeit
- Schuldwahn:
- Überzeugung, schwere Schuld zu tragen
- Zwangsgedanken:
- eindringlich, gegen inneren Widerstand
6. Wahrnehmung
Sinnestäuschungen.
- Illusion:
- verkannter realer Sinneseindruck
- Halluzination:
- Wahrnehmung ohne Reizquelle (akustisch, optisch u. a.)
- Pseudohalluzination:
- innere Wahrnehmung, deren Künstlichkeit bewusst ist
7. Ich-Störungen
Störungen der Ich-Umwelt-Grenze.
- Depersonalisation:
- Fremdheit gegenüber sich selbst
- Derealisation:
- Fremdheit gegenüber der Umwelt
- Gedankenentzug / -eingebung:
- Gedanken werden entzogen oder von außen eingegeben
8. Affektivität
Stimmung und Gefühlsleben.
- Deprimiert:
- niedergestimmt, freudlos
- Euphorisch / Dysphorisch:
- gehoben bzw. gereizt-verdrießlich
- Affektflach:
- verflachte Gefühlstiefe und -bandbreite
- Ambivalenz:
- gegensätzliche Gefühle nebeneinander
9. Antrieb & Psychomotorik
Antrieb, Bewegung und Sprechverhalten.
- Antrieb:
- antriebsarm/-gehemmt gegenüber antriebsgesteigert
- Mutismus:
- Sprachverweigerung, Verstummen
- Logorrhoe:
- gesteigerter, kaum unterbrechbarer Rededrang
10. Zirkadiane Besonderheiten
Tagesrhythmische und vegetative Auffälligkeiten.
- Morgentief:
- Stimmung morgens am tiefsten
- Schlafstörung:
- Ein-/Durchschlafstörung, Früherwachen
- Appetitveränderung:
- Appetit- und Gewichtsveränderung
11. Andere Störungen
Sicherheitsrelevante und weitere Auffälligkeiten.
- Suizidalität / Fremdgefährdung:
- in der Prüfung aktiv zu erfragen (siehe Gefährdungslagen)
- Selbstverletzendes Verhalten:
- z. B. zur Spannungsregulation
- Zwangshandlungen:
- ritualisierte Handlungen gegen inneren Widerstand
- Substanzmissbrauch:
- schädlicher Gebrauch bis Abhängigkeit
Merksatz
Fallstricke
Typische Fehler beim Befund
- Fachbegriffe nennen, ohne den konkreten Befund am Symptom festzumachen.
- Den Befund unstrukturiert erheben, statt den AMDP-Gang systematisch durchzugehen.
- Die Gefährdungs-Kategorie (Suizidalität, Fremdgefährdung) auslassen — ein häufiges K.-o.-Kriterium.
- Den Denkprozess nicht laut machen, sodass keine Teilpunkte vergeben werden können.
Üben
Den Befund selbst am Fall erheben
Die Kategorien sitzen erst, wenn der Befund-Gang zur Routine wird.
Befund am Patientenfall erheben
Das interaktive Befund-Tool führt durch alle AMDP-Kategorien und dokumentiert den psychopathologischen Befund fallbezogen — genau der Gang, der in der Prüfung erwartet wird.
Im Prüfungsgespräch üben
In der mündlichen Simulation den Befund im freien Gespräch erheben — mit differenziertem Feedback nach jedem Fall.
Den AMDP-Befund zum Reflex machen
Erheben Sie den psychopathologischen Befund am Patientenfall — strukturiert durch alle Kategorien, so wie es die Prüfung verlangt.
Häufige Fragen
Was ist der psychopathologische Befund nach AMDP?
Der psychopathologische Befund ist die systematische Beschreibung des aktuellen psychischen Zustands. Das AMDP-System (Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie) gliedert ihn in Kategorien wie Bewusstsein, Orientierung, Denken, Wahrnehmung, Ich-Erleben, Affekt und Antrieb — ein bewährtes Raster, das die Prüfungskommission erwartet.
Muss ich in der mündlichen Prüfung alle AMDP-Kategorien abfragen?
Erwartet wird, dass Sie den Befund strukturiert und vollständig erheben und dabei den AMDP-Gang erkennbar durchgehen. Sie müssen nicht jedes Einzelsymptom abfragen, aber jede Kategorie im Blick haben und auffällige Befunde konkret benennen — belegt am beobachteten Symptom, nicht nur als Fachbegriff.
Wo steht der Befund im Ablauf des Prüfungsgesprächs?
Nach der offenen und der gezielten Anamnese und vor der Verdachtsdiagnose: Erst der Befund, dann die daraus abgeleitete Diagnose mit ICD-Kriterien und mindestens einer Differenzialdiagnose. Die Gefährdungsabklärung gehört als fester Sicherheits-Check dazu.
Was ist der Unterschied zwischen Illusion und Halluzination?
Eine Illusion ist ein verkannter realer Sinneseindruck (etwas real Vorhandenes wird verkannt), eine Halluzination ist eine Wahrnehmung ohne Reizquelle. Bei der Pseudohalluzination ist der betroffenen Person die Künstlichkeit des Erlebten bewusst.
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Dieser Leitfaden dient der Vorbereitung auf die amtsärztliche Überprüfung und gibt die AMDP-Systematik als Prüfungswissen wieder. Er ist keine Anleitung zur Diagnostik oder Behandlung im Einzelfall.